Entwicklungsstörungen / Wahrnehmungsstörungen



1. Entwicklungsdiagnostik im Vorschulalter


Als Ursachen für Leistungsstörungen kommen im Kindesalter neben emotionalen und Verhaltensproblemen hauptsächlich allgemeine Intelligenzmängel, umschriebene Entwicklungsstörungen und Aufmerksamkeitsstörungen in Betracht.

Um eine entsprechende Differentialdiagnose vorzunehmen, muss im Kindergarten und Vorschulalter eine Leistungsdiagnostik erfolgen. Diese muss die schwankenden Motivation sowie die im Vergleich zum Schulalter deutlich geringere Aufmerksamkeitsspanne der Kinder berücksichtigen durch eine zeitlich begrenzte sowie abwechslungsreiche und interaktive Testvorgabe.

Im Vorschulalter sind gemäß ICD 10 folgende umschriebene Entwicklungsstörungen von Bedeutung:
F80, umschriebene Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache (Artikulationsstörung, expressive Sprachstörung, rezeptive Sprachstörung).
F82, umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen,
F83, kombinierte umschriebene Entwicklungsstörungen.

Umschriebene Entwicklungsstörungen sind isolierte Leistungsstörungen, die durch die sog. Normalitätsannahme sowie die Diskrepanzforderung bestimmt werden.

Erstere beinhaltet, dass die Störung nicht im Rahmen einer neurologischen Erkrankung oder neurologischen Sinnesschädigung auftritt, die Kinder sollen eine normale Denkfähigkeit aufweisen (IQ mehr als 70) und im üblichen Umfang gefördert worden sein. Die Leistungsschwäche darf auch nicht Folge einer psychischen Störung sein.

Die Diskrepanzforderung beinhaltet

  1. dass die betreffende Teilleistung tatsächlich bedeutsam gestört ist und
  2. dass zwischen der gestörten Teilleistung und dem übrigen ungestörten Denkniveau eine bedeutsame Diskrepanz besteht.

Wir führen eine Reihe von Tests in unserer Praxis durch, um eine entsprechende Entwicklungsstörung auszuschließen oder zu verifizieren. Hierzu dient z. B. der Entwicklungstest ET6-6, ein allgemeiner Entwicklungstest, weiterhin Motoriktests. Zu erwähnen ist sicherlich auch der Kauffmann-Test (K-ABC), ein Verfahren zur Erfassung der Intelligenz in einem sehr weiten Altersbereich zwischen 2,6-12,6 Jahren. Auch das Bielefelder Screening zur Früherkennung von Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten ist zu nennen (BISC), weiterhin verschiedene Herangehensweisen, um die Wahrnehmung eines Kindes zu erfassen.


2. Wahrnehmungsstörungen


Bei der Integration der Sinne, der sensorischen Integration, geht es um das Ordnen der Empfindungen, um sie gebrauchen zu können.

Zahllose „Bytes“ sinnlicher Wahrnehmung erreichen in jedem Augenblick unserer Gehirn, von jedem Teil unseren Körpers, nicht nur von den Augen und Ohren. So verfügen wir über einen besonderen Sinn, der es uns gestattet, den Zug der Schwerkraft und die Bewegungen unseres Körpers relativ zur Erdoberfläche zu bemerken. Sehen, Hören, Berührungen und Tastempfinden, Eigenwahrnehmung, Tiefensensibilität, auch Propriozeption genannt, der Gleichgewichtssinn, Informationen aus den inneren Organen und Blutgefäßen müssen wahrgenommen und koordiniert werden. In diesem überaus schwierigen Prozess kann es Störungen geben.

Besonders Mütter, deren Kinder Entwicklungsprobleme haben, tragen eine enorme seelische Last. Wir möchten auf Jean Ayres verweisen, welche zum Ausdruck brachte, dass nur in wenigen Berufen Menschen ähnliches zu ertragen haben.

Das Vorhandensein solcher Probleme oder seine Schwere werden oft einfach geleugnet, um damit fertig werden zu können; es gibt aber auch viele Eltern, welche die Bedeutung dieser Probleme erkennen und nach geeigneten Auswegen aus der schwierigen Situation suchen.

Wichtig ist somit die genaue Diagnostik und Differentialdiagnostik von Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen, um dann eine entsprechende Therapie einleiten zu können.

Im Rahmen der sozialpsychiatrischen Vereinbarung verläuft dieser Prozess durch eine medizinische und heilpädagogische Gesamtschau, um umfassend die Problematik eines Kindes zu erkennen.

Sensorische Integration


Jeder Mensch ist Zeit seines Lebens darauf angewiesen, Informationen, die er über seine Sinnesorgane aufnimmt, zu ordnen, zu verarbeiten und zu deuten. Dieses Funktionsprinzip des Gehirns nennt man "Sensorische Integration".
In jedem Augenblick stürmen tausende Informationen auf den Menschen ein Gerüche, Geräusche, Dinge, die gesehen, auch solche, die auf der Haut gespürt werden; wir erhalten Auskunft darüber, wie unser Körper sich im Raum bewegt, ob wir Druck- oder Zugbewegungen ausgesetzt sind. Diese einprasselnden Informationen müssen in Bruchteilen von Sekunden ausgewertet werden - etwa so:
Welche Information ist so wichtig, dass sie ins Bewusstsein dringen sollte, welche sollte nicht bewusst werden, ist die Information aktuell von Bedeutung, was bedeutet sie und muss darauf handelnd reagiert werden?
Ein Beispiel:
Taktile Reize (sie werden über die Haut aufgenommen), die das Tragen von Kleidung hervorruft, werden selten bewusst wahrgenommen. Man macht sich ja nicht unnötig Gedanken darüber, wie sich das T-Shirt auf der Haut oder der Schuh am Fuß anfühlt. Bei einer bestimmten Qualität von Berührungsreiz ist es aber sehr sinnvoll, diesen ins Bewusstsein vordringen zu lassen - z.B., wenn der Schuh Feuchtigkeit durchgelassen hat. Der eintreffende Reiz muss dann richtig interpretiert werden (Nässe - Kälte - Erkältungsgefahr). Erst dann kann entsprechend sinnvoll gehandelt werden.
Dieser Prozess der Auswertung ist sehr subjektiv und auch Situationsabhängig. So kann das Schildchen hinten an der Kleidung unerträglich kratzen (besonders beim ungeliebten Pullover), andererseits können aber Blasen an den Füßen vom Fußballspiel lange Zeit nicht spürbar gewesen sein.
Es versteht sich von selbst, dass dem Menschen diese komplizierten Instrumente zur Orientierung in einer Situation nicht angeboren sind, sondern dass er sie auf dem Hintergrund seiner persönlichen Begabung und in der Auseinandersetzung mit seiner Umgebung erlernt.
Jean Ayres schreibt:
"Die Sensorische Integration ist die Aufnahme und Verarbeitung der sinnlichen Eindrücke und die Organisation von Gedanken und Gefühlen zu sinnvollen und befriedigenden Handlungen auf der Basis einer sich vervollständigenden Hirnfunktion."

SI-Störungen

Ursachen für SI-Störungen sind vielfältig und selten im jeweiligen Einzelfall genau auszumachen. Als Ursachenkomplexe kommen Missbildungen, Verletzungen, Sauerstoffmangel im Gehirn, genetische Veränderungen, abweichende Stoffwechselfunktionen, psychische Faktoren, Angst und Stress in Frage.

Wenn die Entwicklung dieser "Basisfertigkeiten zur Orientierung in der Welt" gestört ist, bleiben in der Regel Verhaltens- und Lernstörungen nicht aus. Welche das sein können, hängt stark von den individuellen Gegebenheiten, Begabungen, vom sozialen Umfeld und nicht zuletzt von der Art der SI-Störung, u.a. vom betroffenen Bereich der S.I. ab.

Daher ist eine genaue Diagnostik der grundlegenden Bereiche der sensorischen Integration, einschließlich der motorischen Entwicklung sehr wichtig. Als diagnostisches Instrument nutzen wir die "Sensorisch integrative Motodiagnostik" nach G. Kesper und C Hottinger. Durch dieses Verfahren kann der Förderbedarf eines Kindes sehr zuverlässig ermittelt und in Zusammenarbeit mit Eltern, Kindergarten/Schule über das passende Förderangebot für das jeweilige Kind entschieden werden.
Darüber hinaus verwenden wir zur Diagnostik im visuellen Bereich den DTVP-II (Developmental Test of Visual Perception).
Zur Überprüfung auditiver Wahrnehmungsleistung verwenden wir die Mottier-Probe, sowie einige Items aus dein PET (Psycholingistischer Entwicklungstest)